SFH-141883  Die extreme Hitzewelle in Nordamerika wäre früher praktisch unmöglich gewesen – nun fordern Fachleute eine schnellere Anpassung an das wärmere Klima, Neue Züricher Zeitung Sven Titz 08.07.2021, 05.30 Uhr

Ende Juni litten die Menschen in Teilen Kanadas und der USA unter gesundheitsgefährdend hohen Temperaturen. Jetzt haben Forscher die Seltenheit und die Ursachen des Ereignisses untersucht. Ihr Fazit ist eindeutig.

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Während einer Hitzewelle suchen Badende am Kitsilano Beach in Vancouver, British Columbia, Abkühlung in den Wassern der Strasse von Georgia. Aufnahme vom 28. Juni 2021.


Während einer Hitzewelle suchen Badende am Kitsilano Beach in Vancouver, British Columbia, Abkühlung in den Wassern der Strasse von Georgia. Aufnahme vom 28. Juni 2021.


Ende Juni erlebten die Menschen im kanadischen British Columbia sowie in Washington und Oregon in den USA eine beispiellose Hitzewelle. Selbst Fachleute waren von deren Intensität schockiert. Mehrere Temperaturrekorde in der Region wurden mit einem Schlag um fünf Grad Celsius überboten. In dem Dorf Lytton erreichte die Temperatur einen kanadischen Rekord von 49,6 Grad. Die Notrufe und die Spitalbesuche häuften sich, vor allem unter älteren Menschen nahmen die Todesfälle zu.

Schnell kam die Frage auf, wie ungewöhnlich das Ereignis sei. Viele wollten auch wissen, welche Rolle der Klimawandel in diesem Zusammenhang spiele. Jetzt sind die ersten fundierten Antworten da. Sie stammen von dem Forscherteam der World Weather Attribution Initiative um Friederike Otto von der University of Oxford und Geert Jan van Oldenborgh vom Königlich-Niederländischen Meteorologischen Institut in De Bilt, das auf die rasche klimatologische Einordnung von Wetterextremen spezialisiert ist.

Die Hitzewahrscheinlichkeit wächst

Gemäss der neuen Studie, an der 27 Wissenschafter mitwirkten, handelt es sich bei der nordamerikanischen Hitzewelle um ein extrem seltenes Ereignis. Im gegenwärtigen Klima tritt es nur ungefähr alle tausend Jahre auf.

Das Forscherteam untersuchte zudem, welchen Einfluss der menschengemachte Klimawandel ausgeübt hat: So ist die Wahrscheinlichkeit einer solchen Hitzewelle im Vergleich zum Klima vor der Industrialisierung mindestens 150 Mal grösser geworden. Einfacher ausgedrückt: Früher wäre es nahezu ausgeschlossen gewesen, dass eine solche Hitze zustande gekommen wäre.

Die Wissenschafter haben die Hitzewelle auch noch aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Dazu haben sie den Einfluss des Klimawandels auf die Höhe der Temperaturextreme ermittelt: Gemäss dem Team um Otto wären die Temperaturmaxima früher um rund zwei Grad weniger hoch ausgefallen.

Die Methodik der World Weather Attribution Initiative gilt als etabliert. Sie ist im konkreten Fall gestützt auf Berechnungen mit 21 verschiedenen Computermodellen für das Klima. Die Fachleute verglichen etliche Simulationen von Hitzetagen, die sie jeweils mit und ohne Berücksichtigung des menschengemachten Klimawandels durchführten. Es folgte eine statistische Auswertung. «Das ist heute mehr oder weniger eine Routineübung», erläutert Gerald Meehl vom National Center for Atmospheric Research in Boulder, Colorado, der nicht an der Studie beteiligt war. Dass auf eine fachliche Begutachtung der Arbeit noch gewartet werden muss, stellt in diesem Fall also nur ein geringes Manko dar.

Die genauere Ursachenforschung zu der Hitzewelle fängt gerade erst an. Laut Otto gibt es neben der Standardeinschätzung, wonach es sich einfach um ein seltenes Ereignis handelt, auch noch eine andere Möglichkeit: Die globale Erwärmung – um bisher 1,2 Grad – könnte die Atmosphäre in einen Zustand versetzt haben, in welchem sie stärkere Hitzeextreme hervorruft, als man zuvor erwartet hatte. In weiteren Studien müsse nun untersucht werden, ob Klimamodelle diese Möglichkeit vielleicht unterschätzten. Vielleicht habe die Dürre im südlichen Teil des Untersuchungsgebiets die Hitzewelle verstärkt, spekuliert van Oldenborgh. Natürliche Faktoren wie die Wassertemperaturen im Pazifik, die oft eine Fernwirkung auf das Wetter in Nordamerika ausüben, scheinen hingegen keine entscheidende Rolle gespielt zu haben.

Zu wenige Klimaanlagen

Wie viele zusätzliche Todesfälle die Hitze herbeigeführt hat, wird sich ebenfalls erst später beurteilen lassen – in ein paar Monaten vielleicht. Bisherige Schätzungen deuten darauf hin, dass es sich mindestens um mehrere hundert Fälle handelt. Die Menschen in dieser Region seien nicht an eine solche Hitze gewohnt, sagt der Co-Autor Maarten van Aalst vom Red Cross Red Crescent Climate Centre in Den Haag. Die Einwohner der Region verfügten deutlich seltener über Klimaanlagen als im Süden der USA. In Vancouver zum Beispiel besitzen nur 39 Prozent der Haushalte solche Geräte, und auch in Seattle liegt der Anteil in Wohngebieten unter 50 Prozent.

Die Studienautoren rufen jetzt dazu auf, Notfallpläne zu überarbeiten und Frühwarnsysteme weiter zu verbessern. Viele der Todesfälle könnten durch Anpassung an die heisseren Hitzewellen, mit denen man sich in dieser Region und rund um die Erde auseinandersetze, vermieden werden, sagt van Aalst. Diese Anpassung wird in der Tat immer dringender. Gemäss der Studie sind Hitzewellen wie die im Juni schon in wenigen Jahrzehnten – nämlich wenn sich die Erde zwei Grad über das vorindustrielle Niveau erwärmt hat – alle fünf bis zehn Jahre zu erwarten.



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