SFH-13695  Stress, Herzinfarkt und Tinnitus: Unterschätztes Umweltgift Lärm (2),  27.07.2014 | 18:23 |  Gudula Walterskirchen  (Die Presse)
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Lärm ist kein Randthema, mehr als drei Millionen Österreicher sind betroffen. Die zunehmende Lärmbelastung hat massive gesundheitsschädliche Auswirkungen.
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http://diepresse.com/home/meinung/quergeschrieben/walterskirchen/3845202/Stress-Herzinfarkt-und-Tinnitus_Unterschaetztes-Umweltgift-Laerm-2

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Als in den 1980er-Jahren ganze Wälder aufgrund des sauren Regens zugrunde gingen, war allen Verantwortlichen klar, dass rasches und energisches Handeln notwendig sei. Anders ist dies beim aktuellen Umweltthema Lärm. Derzeit sind etwa 40 Prozent (!) der österreichischen Bevölkerung täglich einem gesundheitsschädlichen Dauerlärm ausgesetzt. Trotz Einzelmaßnahmen wie Lärmschutzwänden hat sich die Belastung insgesamt nicht verringert. Lärm, vor allem nachts, führt zu Schlafstörungen, lässt den Blutdruck ansteigen und erhöht das Herzinfarktrisiko massiv.

Es gibt zwar das „Bundes-Umgebungslärmschutzgesetz" und einen Europäischen Lärmkataster, jedoch ohne verpflichtende politische Konsequenzen. Da fahren etwa Lastwagen leer kreuz und quer durch Europa und Güterzüge halb leer durch Österreich. Während bei Lkw umfangreiche Nachtfahrverbote gelten, rattern ausgeleierte Güterzüge vorzugsweise in der Nacht durch dicht besiedeltes Gebiet, ohne oder nur mit abschnittsweisem Lärmschutz.

Österreich hat im internationalen Vergleich seitens der Bevölkerung und der Politik ein relatives hohes Bewusstsein für das Problem der Lärmbelastung. So sind etwa Lärmschutzwände bei neu gebauten Strecken von Autobahn und Eisenbahn obligat. Das bedeutet eine massive Entlastung für die Anrainer. Allerdings fehlt es hier an Koordination und Effizienz. So etwa wird eben eine Güterzugumfahrung für St.Pölten gebaut. Die neue Strecke führt entlang der S33 und der A1, weit entfernt von bebautem Gebiet. Warum allerdings zwischen Autobahn und Schienenstrang eine hohe Lärmschutzwand errichtet wird, ist logisch nicht nachvollziehbar. Das Geld dafür wäre anderswo besser investiert.

Auch der früher vom Güterzugverkehr geplagte Wiener Bezirk Hietzing wurde seit der Eröffnung des Lainzer Tunnels komplett von dieser Lärmquelle entlastet. Alle Güterzüge fahren nun durch den 1,3 Milliarden Euro teuren Tunnel. Anders jedoch beim daran anschließenden Wienerwaldtunnel, Kostenpunkt 600 Millionen Euro. Derzeit fahren laut Fahrplan drei(!) Züge pro Stunde und Richtung durch diesen Tunnel. Gleichzeitig werden die meisten Güterzüge weiterhin über die alte Strecke, mitten durch die Wohngebiete, geführt, ohne oder nur mit ungenügendem Lärmschutz. Fragt man Verantwortliche der Rail Cargo, wann endlich – wie beim Lainzer Tunnel – alle Güterzüge durch den Tunnel geleitet würden, stößt man auf Unverständnis: Man denke nicht daran, die Anrainer hätten ja schon vorher gewusst, dass es in der Gegend laut sei. So viel zum Thema Lärmschutz bei den ÖBB.

Ein zunehmendes Problem in ganz Europa stellt der Fluglärm dar. Immer mehr Menschen benützen für ihre Reisen das Flugzeug, ob beruflich oder privat, Flughäfen werden ausgebaut. Gleichzeitig leiden immer mehr Menschen unter dem Lärm der Flugzeuge. In Wien ist die Situation zwar noch nicht ganz so schlimm wie etwa in Frankfurt, die Proteste gegen neue Pisten sind jedoch überall lautstark und vehement. Es gibt keine Mittel gegen den Fluglärm, außer Flugverboten, etwa während der Nacht.

Beim Thema Lärm befinden wir uns in einem Zwiespalt. Einerseits sind wir Betroffene und Leidende, andererseits aber auch Verursacher: Wir fliegen übers Wochenende nach London, benutzen bevorzugt das Auto statt Rad oder Bahn, kaufen Lebensmittel mit langen Transportwegen, benutzen laute Laubstaubsauger und Rasenmäher und sehnen uns nach dem Besitz von Motorrädern und Sportwagen mit „kernigem Sound".

Es ist also unfair, die Verantwortung für die Lärmbekämpfung allein der Politik zuzuschieben. Diese ist in erster Linie gefordert, das Thema ernst zu nehmen und sinnvolle(!) Maßnahmen zu setzen. Das Aufstellen von Taferln und teilweise sinnloser Wände allein reicht da nicht. Zusätzlich müssen wir uns alle selbst an der Nase nehmen und mehr Bewusstsein entwickeln, wie wir zur Reduktion des Lärms beitragen können.

E-Mails an: » debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Dr. Gudula
Walterskirchen ist Historikerin und
Publizistin. Sie war bis 2005 Redakteurin der „Presse", ist seither freie Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher mit historischem Schwerpunkt.

» www.walterskirchen.cc


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