SFH-142860  Hitzewelle: Europa vertrocknet und brennt Die Presse 19.07.2022 um 15:12.

Von der iberischen Halbinsel zieht die Hitzewelle über Großbritannien und Deutschland und streift auch Österreich. Die Hälfte der EU ist von Dürre bedroht. Waldbrände zerstören gewaltige Flächen. Und auf anderen Kontinenten sind die Probleme nicht kleiner.

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Die Hitzewelle rollt auch hierzulande an. Es dürfte die letzte kühlere Nacht für einige Zeit gewesen, prognostizieren Meteorologen. Das gilt zumindest für städtische Gebiete im Osten. Dabei dürften wir in Österreich zumindest von der 40-Grad-Marke verschont bleiben. Die iberische Halbinsel hat diese Gluthitze schon hinter sich, Großbritannien erlebte am Dienstag dagegen neue Rekordwerte. Einen Überblick über Waldbrände in Europa zu bekommen, ist keine leichte Aufgabe - überall im Süden des Kontintents gibt es Brandherde (siehe Grafik).

Und das Problem könnte sich demnächst - und langfristig - verschärfen. Rund die Hälfte des Gebiets der Europäischen Union ist nach Expertenangaben derzeit von Dürre bedroht. Die EU-Kommission veröffentlichte am Montag einen Bericht ihres Forschungszentrums zur Trockenheit im Juli, demzufolge auf 46 Prozent des » EU-Gebiets ein "Risiko" für Dürre besteht. Für weitere elf Prozent des Gebiets gelte mangels Regen sogar bereits der Alarmzustand mit Folgen für Vegetation und Ernte.

Rückgang der Ernte und der Pegel

"Frankreich, Rumänien, Spanien, Portugal und Italien werden wahrscheinlich mit einem Rückgang der Ernteerträge zu kämpfen haben", erklärten die Experten im Auftrag der EU-Kommission. Aber auch Deutschland, Polen, Ungarn, Slowenien und Kroatien seien "bis zu einem gewissen Grad betroffen". Am stärksten ist die Trockenheit demnach im norditalienischen Po-Becken.

"Leider haben wir eine solche Dürre erreicht, dass das Wasser für die Landwirtschaft knapp wird", betonte Attilio Fontana, Präsident der Region Lombardei, am Dienstag. Aber auch der deutsche Bauernbund klagt bereits über Einbußen bei der Getreideernte.

Die Experten der EU sprechen in ihrem Bericht von einer "atemberaubenden" Entwicklung. Wenn die bis September prognostizierte Trockenheit anhalte, würden sich die Auswirkungen auf die Landwirtschaft, die Wasserversorgung wie auch die Energiegewinnung durch Wasserkraftanlagen noch verschärfen. Das trifft bereits jetzt auch Österreich: » Die trockenheitsbedingten niedrigen Pegelstände der heimischen Flüsse lassen die Stromproduktion in den Verbund-Wasserkraftwerken sinken, hieß es am Dienstag.

Dürren, Fluten und Unwetter haben in Deutschland seit 2000 im Schnitt Kosten von 6,6 Milliarden Euro pro Jahr verursacht.»  In Österreich belaufen sich die Kosten des Klimawandels übrigens auf mehr als zwei Milliarden Euro im Jahr.

Trockenheit setzt auch dem Rhein bei Köln zu.
Trockenheit setzt auch dem Rhein bei Köln zu. APA/AFP/INA FASSBENDER

Feuer in vielen Teilen Europas

Dürre ist der größte Wegbereiter für Feuer. Und die toben bereits in weiten Teilen Südeuropas.

In der französischen Region Gironde wüten derzeit zwei große Waldbrände. Zusammen haben die Feuer rund 19.300 Hektar Wald zerstört. Das ist fast die Hälfte der Fläche Wiens. Rund 34.000 Menschen - Bewohner und Touristen - mussten in Sicherheit gebracht werden. Im Ort Teste-de-Buch gelangte das Feuer bis zum Atlantikstrand. Auch ein Zoo in der Gegend wurde teilweise geräumt und etwa 370 Tiere in einem anderen Zoo untergebracht

Schwere Brände toben auch im friaulischen Karstgebiet in den Provinzen von Görz (Gorizia) und Triest. Die Brände wurden von den Behörden Friauls als äußerst gefährlich eingestuft. 350 Hektar Wald wurden zwischen Italien und Slowenien zerstört. Hubschrauber und Feuerwehr seien zur Löschung der Flammen im Dauereinsatz. Die Flammen griffen auch auf das Gebiet neben der Autobahnmautstelle Lisert über. Der Autobahnbetreiber "Autovie Venete" ordnete die Sperre des Abschnitts der Autobahn A4 zwischen Redipuglia und Lisert in Richtung Triest an. Der Eisenbahnverkehr zwischen Monfalcone und Bivio d'Aurisina war ebenfalls eingestellt. 

Die italienische Feuerwehr brachte wegen eines großen Waldbrandes in der Toskana Bewohner in Sicherheit. Das Feuer brach am Montagabend in der Gemeinde Massarosa nördlich von Pisa aus. Nach Angaben des toskanischen Zivilschutzes hätten die Nacht über Winde aus Nordosten die Flammen weiter angetrieben, sodass sie auch Wohnhäuser bedrohten. Aus denen wurden rund 30 Menschen evakuiert. Schwere Brände wüten derzeit auch auf der griechischen Ferieninsel Kreta.

Seit Wochen sorgen anhaltende Dürre in Italien und Wind immer wieder dafür, dass sich Brände schnell ausbreiten. Experten gehen davon aus, dass Phasen von Trockenheit intensiver und länger werden - eine Folge des Klimawandels in dem beliebten Urlaubsland mit fast 60 Millionen Einwohnern. Von Norden bis Süden und auf den Inseln Sardinien und Sizilien brechen derzeit immer wieder Wald- und Buschfeuer aus. Mitunter stecken fahrlässiges Verhalten oder Brandstiftung dahinter.

Auch die griechische Feuerwehr schätzt das Risiko für Waldbrände in vielen Teilen Griechenlands weiterhin als "sehr hoch" ein. Am Montag waren vor allem die Region Attika mit der Hauptstadt Athen sowie die Inseln Euböa, Kreta, Lesbos und Samos und der Nordosten der Halbinsel Peloponnes betroffen, twitterte die Feuerwehr am Sonntag. Von Samstag auf Sonntag wurden in Griechenland 119 Waldbrände registriert. Die meisten Brände werden recht schnell gelöscht, manche wachsen sich jedoch zu Großbränden aus.

Bei den schweren Bränden in Portugal sind indes ein Mann und eine Frau ums Leben gekommen, als sie vor den immer näher auf ihr Haus vorrückenden Flammen fliehen wollten. Das Ehepaar im Alter von um die 70 Jahre sei mit seinem Auto von der Straße abgekommen, sagte am Montagabend im Fernsehen der Bürgermeister von Murça, Mario Artur Lopes. "Das Auto wurde komplett verbrannt, die beiden sind im Inneren gestorben." Die beiden Senioren hielten sich in ihrem Haus in einem Dorf in der Nähe von Murça im Norden des Landes auf. "Sie haben offenbar beschlossen zu fliehen, als die Flammen immer näher kamen."

Dass Brände ein zunehmendes Problem für Europa werden, zeigen auch aktuelle Zahlen aus Portugal. Die dieses Jahr in sechseinhalb Monaten durch Waldbrände zerstörte Fläche erhöhte sich laut Naturschutzbehöde auf 38.600 Hektar. Das ist 35 Prozent mehr als im gesamten Vorjahr (28.415). 

Feuerwehrleute im Kampf gegen die Flammen in Tabara in Nordspanien.
Feuerwehrleute im Kampf gegen die Flammen in Tabara in Nordspanien. APA/AFP/MIGUEL RIOPA

Spanien leidet seit einer Woche unter einer massiven Hitzewelle mit Temperaturen von bis zu 44 Grad, am Montag waren noch 22 Feuer aktiv, wie der Zivilschutz mitteilte. Besonders betroffen waren die Regionen Extremadura im Westen, Galicien im Nordwesten, Kastilien und León im Zentrum sowie Katalonien im Nordosten des Landes.

Die in Spanien seit Mittwoch voriger Woche verstärkt wütenden Brände haben in sieben Tagen mindestens 60.000 Hektar Wald zerstört. Das berichtete der staatliche Fernsehsender RTVE am Dienstag unter Berufung auf die Behörden der verschiedenen betroffenen Regionen. "Das ist bezüglich Feuer der schlimmste Notfall, seit es Aufzeichnungen gibt", sagte Zivilschutz-Direktor Leonardo Marcos dem Radiosender Cadena Ser.

Waldbrände in Europa
Waldbrände in Europa (c) APA

Hitze trifft jetzt Großbritannien - „nationale Notlage"

In beiden Ländern der iberischen Halbinsel gab es am Dienstag in Erwartung sinkender Temperaturen aber auch Grund zur Hoffnung. In Portugal wollte die Regierung deshalb den zum Montag auslaufenden "Estado de contingência", den dritthöchsten Notstand, nach einer Woche vorerst nicht verlängern. "In den kommenden Tagen wird ein Temperaturrückgang zwischen zwei und acht Grad erwartet", erklärte Innenminister José Luis Carneiro. In Spanien werde die Hitzewelle, die praktisch das gesamte Land seit neun Tagen überrollt, zwischen Montag und Dienstag zu Ende gehen, teilte der nationale Wetterdienst Aemet mit.

Großbritannien erlebte indes laut vorläufigen Daten den heißesten Tag seit Beginn der Aufzeichnungen. Erstmals haben die Temperaturen seit Beginn der Aufzeichnungen die Marke von 40 Grad überstiegen. Am Londoner Flughafen Heathrow wurden in der Mittagszeit 40,2 Grad Celsius gemessen, wie der Wetterdienst Met Office nach vorläufigen Daten am Dienstag bekannt gab. Erst kurz davor war mit 39,1 Grad in Charlwood in der englischen Grafschaft Surrey ein britischer Hitzerekord aufgestellt worden - dieser währte jedoch kaum länger als eine Stunde.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch der Heathrow-Rekord am Dienstag noch gebrochen werden könnte. In Teilen Englands wurden bis zu 42 Grad erwartet. Der bisherige Temperaturrekord in Großbritannien lag bei 38,7 Grad und wurde 2019 in Cambridge erfasst. Auch die Nacht auf Dienstag hatte sich bereits als bisher wärmste herausgestellt.

Heatwave in Britain
Erst bei Sonnenuntergang lässt sich die Hitze in London derzeit auf der dürren Wiese im Greenwich Park aushalten. REUTERS

"Uns stehen schwierige 48 Stunden bevor", sagte Staatssekretär Kit Malthouse am Montag dem Nachrichtensender BBC. Angesichts der Hitze hat die Regierung in London die nationale Notlage ausgerufen. Diese Warnstufe wird nach Angaben des britischen Wetteramtes nur dann angekündet, wenn Krankheiten und Todesfälle auch bei gesunden Menschen und nicht nur bei Risikogruppen auftreten. Premierminister Boris Johnson schwänzte eine Krisensitzung zu dem Thema, sein Stellvertreter Dominic Raab rief dazu auf, den Sonnenschein zu "genießen".

Am Londoner Flughafen Luton hat die extreme Hitze für erhebliche Störungen gesorgt. Durch die hohen Temperaturen sei die Oberfläche des Rollfeldes beschädigt worden, teilte der Flughafen am Montagnachmittag mit. Derzeit seien Reparaturarbeiten in Gange. Berichten zufolge mussten mehrere Flüge gestrichen oder umgeleitet werden. Sky News zufolge soll auch der Militärflughafen Brize Norton am Montag Flüge ausgesetzt haben. Die Landebahn sei "geschmolzen", sagte eine Militärquelle dem Sender.

Joe Biden erwägt Klimanotstand, Australien verliert Arten

Auch wenn derzeit der Fokus der Hitze und Schlagzeilen weltweit auf Europa liegt. Die Wetterphänomen beschäftigen alle Kontinente. US-Präsident Joe Biden will einem Zeitungsbericht zufolge möglicherweise noch diese Woche einen nationalen Klimanotstand ausrufen. Damit hätte seine Regierung etwas mehr Spielraum, Gelder zu mobilisieren, saubere Energien zu fördern und weitere Maßnahmen für den Kampf gegen den Klimawandel durchzusetzen. Das berichtete die "Washington Post" am Montag (Ortszeit) unter Berufung auf drei Mitarbeiter aus Bidens Umfeld.

In Australien ist indes die Zahl der bedrohten Arten in den vergangenen fünf Jahren um acht Prozent gestiegen. Zudem nimmt der Druck auf alle Ökosysteme des Landes durch den Klimawandel weiter zu. Dies sind einige der dramatischen Ergebnisse des mit Spannung erwarteten Berichts zum Zustand der australischen Umwelt (State of the Environment Report 2021).

Seit seiner Kolonisation 1788 seien auf dem roten Kontinent 39 Säugetierarten ausgestorben - mehr als auf jedem anderen Kontinent, so die Forscher. Gleichzeitig leben 80 Prozent der fast 400 Säugetierarten des Landes überhaupt nur in Australien, darunter Koalas, Wombats und die eierlegenden Schnabeltiere (Platypus).

Einer der Hauptgründe ist der Verlust des natürlichen Lebensraums. Dem Report zufolge wurden in Australien zwischen 2000 und 2017 rund 7,7 Millionen Hektar Land gerodet. Aber auch die verheerenden Buschfeuer 2019/20 haben der Tierwelt schwer zugesetzt.

(klepa/Ag.)

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