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Die EU macht Tempo und legt Kriterien vor, die Neubauten und Bestandsgebäude nachhaltig machen sollen. Geht das schnell genug?

https://www.derstandard.at/story/2000134026190/das-ende-des-gruenen-mascherls-wie-die-eu-gebaeude-klimafit

Foto: Getty Images/ferrantraite

Viele verbinden Nachhaltigkeit bei Gebäuden mit Begrünung. Doch das ist nur ein Aspekt.


Üppig begrünte Fassaden, kreativ ausgebaute Bestandsbauten, großflächige Photovoltaik auf dem Dach: Das fällt den meisen ein, wenn es um Nachhaltigkeit bei Gebäuden geht. Oft bleibt es aber beim bloßen Nachdenken darüber. Die Gebäudeindustrie ist einer der großen Klimasünder. Das liegt vor allem an immer noch verwendeten Öl- und Gasheizungen, aber auch an der Bodenversiegelung und den zur Verwendung kommenden Baumaterialien.

Aber bis 2050 will die Europäische Union klimaneutral sein. Mit der EU-Taxonomieverordnung, die seit heuer teilweise in Kraft und Teil des European Green Deal ist, wird der Druck auf Unternehmen und Finanzmarktakteure und damit auch auf die Immobilienbranche erhöht.

Sechs Umweltziele – darunter der Klimaschutz und die Wiederherstellung der Ökodiversität – wurden ausformuliert. Bei wirtschaftlichen Aktivitäten darf keines der Ziele verletzt werden. Wer sich künftig das Nachhaltigkeitsmascherl umhängen will, muss also liefern.

"Die Zeiten von Greenwashing sind vorbei", sagt Sven Bienert. Er leitet das Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit in der Immobilienwirtschaft an der Universität Regensburg. Der Experte geht davon aus, dass sich durch die ökologischen, sozialen und ethischen Kriterien, die unter dem Schlagwort ESG zusammengefasst werden, in der Branche nun vieles tun wird.

Geringere Preise

Bienert rechnet in den kommenden Jahren zum Beispiel mit einer massiven Reduktion des Energieverbrauchs, einer Dekarbonisierung der Energieträger und einem stärkeren Einsatz von recycelten Materialien und nachwachsenden Rohstoffen. Derzeit liegt der Fokus bei ESG noch auf den Umweltaspekten. An den sozialen Kriterien wird in Brüssel aber aktuell gearbeitet.

Kapitalmarktorientierte Unternehmen müssen in ihren Non-Financial Statements nun berichten, ob sie ESG-konform sind oder nicht. Wer nicht will, darf zwar noch auf ESG pfeifen. Aber es wird Folgen haben, wenn man nicht mitspielt, so viel steht fest. Wer sich nicht anpasst, wird vom Markt verdrängt, sind sich Expertinnen und Experten einig. "Investoren werden in Nicht-ESG-konforme Immobilien kein Geld mehr stecken", sagt Peter Fischer, Real Estate Leader bei PwC Österreich.

Die großen Beratungsunternehmen setzen sich seit Jahren mit ESG auseinander. "Da der Mensch aus sich heraus nicht bereit für Veränderung ist, muss er liebevoll angeleitet werden", sagt Fischer. "Und das funktioniert eben am besten über das Geld."

Doch die Entwicklung steht noch am Anfang. Für Michael Schneider, Geschäftsführer der deutschen Service-KVG IntReal, die Immobilienfonds auflegt und verwaltet, sind derzeit noch viele Fragen offen. Als "Gamechanger, aber mit gezogener Handbremse" fasst er die Situation daher zusammen.

Es wird teuer

So gilt eine Immobilie als taxonomiekonform, wenn sie mit ihrem Primärenergiebedarf unter den besten 15 Prozent des Gebäudebestands liegt. Aber noch ist unklar, welche Gebäude als Vergleich überhaupt herangezogen werden.

Noch etwas gibt Schneider zu bedenken: Das ökologische Aufrüsten der Gebäude wird teuer – und das werden auch die Nutzerinnen und Nutzer zu spüren bekommen. Gleichzeitig zählt bei ESG aber auch der erwähnte soziale Aspekt, etwa in Form von Bezahlbarkeit, beispielsweise bei Wohnraum. Diese beiden Aspekte werden in manchen Fällen schwierig unter einen Hut zu bringen sein, sagt Schneider.

Große Bestandshalter sind längst auf das Thema aufgesprungen. Das ist mit viel Aufwand verbunden: So braucht man künftig beispielsweise die Verbrauchsdaten sämtlicher Liegenschaften. Das eine oder andere kleinere Unternehmen hofft wohl immer noch, dass die Suppe am Ende nicht so heiß gegessen wird, wie sie derzeit in Brüssel gekocht wird. "Aber das geht nicht mehr weg", sagt Fischer dazu.

Und im besten Fall profitieren davon alle. In Büroimmobilien wird durch ESG beispielsweise das Wohlbefinden der Nutzerinnen und Nutzer eine größere Rolle spielen. Und gegen mehr Schutz gegen heißer werdende Sommer – etwa in Form von mehr Begrünung – hat wohl auch niemand etwas einzuwenden.

Mehr Grün für alle

Aber auch wenn die Nachhaltigkeit jetzt besonders beim Neubau großes Thema ist: Bis zur Klimaneutralität Europas ist es noch ein weiter Weg. 80 Prozent der Immobilien, die wir 2o50 nutzen werden, stehen heute schon. "Die Lösung ist also über den Bestand zu suchen", betont Bienert. Daher müsse die Sanierungsrate von europaweit ein auf zwei Prozent gehoben werden.

Leichter gesagt als getan: Die Preise für Baumaterial sind hoch, es gibt Rohstoffmangel, Arbeitskräfte sind Mangelware. Geht sich das alles aus? Der Neubau-Boom werde irgendwann vorbei sein, ist Sven Bienert überzeugt, dann gebe es wieder Kapazitäten für Sanierungen. Aber es werde auch kreative Herangehensweisen brauchen.

Zeit wäre es: "Wir haben 30 Jahre das Gleiche gemacht", sagt Peter Fischer über die Branche. "Probieren wir doch etwas Neues." (Franziska Zoidl, 15.3.2022)

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